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Thema: Erinnerungen

Das Geheimnis der Blechbüchse





Das Geheimnis der Blechbüchse

Wie wichtig es ist, für die Armen dieser Erde immer ein paar (Euros) wöchentlich wegzulegen habe ich bereits in meiner Kindheit – im Jahr 1954 erlebt. Ich werde dieses Erlebnis niemals vergessen und möchte es gerne mit dem Leser meiner kleinen Erzählung teilen.

Ganz hinten in Großmutters Küchenschrank, versteckt zwischen dem guten Porzellan, stand diese kleine aber wichtige Blechbüchse. Dass sie sehr wichtig zu sein schien, verriet mir jede Woche Omas Gesichtsausdruck, wenn sie dieses geheimnisvolle etwas vorsichtig herausnahm, um Markstücke oder Scheine in den Schlitz zu schieben. Einmal, als sie meinem neugierigen Blick bemerkte, erklärte sie mir, dass ich alles verstehen würde, wenn ich eines Tages die Bibel lesen könnte. Auch musste ich ihr versprechen, dieses Versteck niemanden zu verraten. Es war unser Geheimnis und ich war sehr stolz darauf. Unser Gemeindepfarrer kam alle paar Monate vorbei, um die Büchse gegen eine leere auszutauschen. Das war für Großmutter eine große Freude. Sie strahlte über das ganze Gesicht, während sie die Blechbüchse übergab. „Ich habe sehr sorgsam gewirtschaftet“, sagte sie jedes Mal stolz. Der Pfarrer nickte wohlwollend mit dem Kopf. Als ich endlich das Lesen gelernt hatte, konnte ich auch die Aufschrift der Blechbüchse entziffern. „Brot für die Welt“ war darauf zu lesen und im Kindergottesdienst, den ich eifrig besuchte, erzählte uns der Pfarrer von den Ärmsten dieser Erde. Es waren die Kinder mit ihren Familien in Afrika, die er uns auf Fotos zeigte. Sie wohnten in Hütten, die aus Ästen und Kuhdung gebaut wurden. Viele kleine Hütten zusammen, oft kreisförmig gebaut, nannte man Dorf. Das die Sonne dort fast immer vom blauen Himmel herunter brannte, die Menschen kaum etwas zu essen hätten, und der Hunger dort zu Hause war, erzählte man uns. So lernten wir in der Gemeinde und unserer kleinen Dorfschule, wie wichtig es ist zu teilen, etwas abzugeben, und auch, dass die kleine Blechdose einen tiefen Sinn hatte. So klein wir noch waren aber wir haben es bereits damals verstanden.
Wir hatten lebendige Vorbilder in unseren Familien, so wie ich, meine Großmutter.
Dann kam der Tag, an dem meine kleine Welt einzustürzen drohte. So wie das oft im Leben ist, plötzlich und unerwartet.
Der Pfarrer hatte sich angesagt, um wieder einmal die Sammelbüchse auszutauschen.
Nach einem kurzen Plausch zwischen Tür und Angel, eilte Großmutter zum Küchenschrank um sie zu holen. Sie bückte sich, schob wie immer die Teller zur Seite und schrie entsetzt auf.
Ich werde das, was dann kam, niemals im Leben vergessen. Ohne ein Wort zu sagen, starrte sie mich bleich, mit hasserfüllten Augen an. Die kleine Blechbüchse hielt sie in der einen Hand und mit der anderen verpasste sie mir eine kräftige Ohrfeige. Sie schrie mich an und nannte mich eine böse und heimtückische Diebin. Die Sammelbüchse war leer. Jemand hatte den Boden aufgeschnitten und das Geld entwendet. Schlimme Beschimpfungen prasselten auf mich herunter und ich war wie gelähmt. Niemals hätte ich so etwas tun können aber wie konnte Großmutter so von mir denken? Der Pfarrer war es, der Großmutter daran erinnerte, dass außer Großvater und mir, noch meine Mutter und meine kleine Schwester im Haus wohnten. Egal was er sagte, für Großmutter stand fest, dass nur ich es gewesen sein konnte.
Das war für uns alle ein harter Schlag. Sie war um ihr gespartes Geld betrogen, die Menschen in Afrika um Großmutters Spende, und ich war angeblich eine Diebin.
Meine kleine Schwester hatte, ohne dass ich es bemerkte das Geschehen beobachtet. Sie grinste zufrieden vor sich hin. Vieles ist mir an diesem denkwürdigen Nachmittag plötzlich aufgefallen. Woher hatte Alexandra eigentlich das Geld gehabt für den Pausenbäcker, der immer zur Schule kam? Ich hatte jeden Tag die verhasste Ziegenbutter auf meinem Pausenbrot und Geld für Bonbons hatte ich auch nicht. Ich dachte immer, sie hätte es von Mutter bekommen. Schließlich war sie deren Lieblingskind aber was, wenn Mutter nicht der edle Spender war?
Nun und wenn schon, es war mir egal und petzen macht man nicht, hatte man mir beigebracht.
Großmutters Vorwürfe taten mir richtig weh und ich verkroch mich wie immer, wenn ich Kummer hatte hinter unserem alten Kirschbaum im Garten.

Meine Großeltern und ich haben nie wieder darüber gesprochen und als ich dann 10 Jahre später nach Berlin umziehen musste stand dieser Diebstahl immer noch zwischen Großmutter und mir.
Es war an meinem 17. Geburtstag als sie mich dort anrief um mir zu gratulieren. Sie weinte in den Hörer und bat mich um Verzeihung. So erfuhr ich, dass sie mich verdächtigt hatte, weil ihr sehr oft Geld entwendet wurde, während ich bei ihr und Großvater wohnte. Ich erfuhr auch, dass sie meine kleine Schwester auf frischer Tat ertappt hatte.

An diese Begebenheit muss ich in den letzten Monaten immer wieder denken, wenn ich die Bilder der hungernden Menschen sehe. Auch sehe ich diese kleine, so bedeutsame Blechbüchse in Gedanken vor mir. 

(aus meinen Erinnerungen von "Bahnhofstraße 41")

© Celine Rosenkind

Celine 23.11.2017, 16.43 | (1/1) Kommentare (RSS) | TB | PL

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